Oberlausitz: Wo die Frösche quaken

      Oberlausitz: Wo die Frösche quaken

      Mindestens 15 Jahre muss es her sein, dass ich den Froschradweg durch die Oberlausitz letztmalig auf dem Rad durchfuhr. Ca. 240 Kilometer durch eine begeisternde Heide- und Teichlandschaft im Nordosten Sachsens, die mir in der Erinnerung durchaus geeignet schien, als Strecke für Nordic Cross Skating zu dienen. Mehrere Änderungen der Streckenführung blähen die offizielle Distanz inzwischen auf 270 Kilometer aus. Das nenne ich eine Hausnummer!

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      Bettina erklärte sich bereit, mich auf dem Crossrad zu begleiten. Bangte ich schon, ob die Runde für mich überhaupt zu schaffen war, so waren ihre Zweifel kaum geringer. Abgesehen von unserer kürzlichen Tandem-"Gold"-Fahrt des Stoneman Miriquidi (für uns beide hart am Limit) hatte sie noch nie eine auch nur annähernd so weite Strecke absolviert.

      Als Startpunkt hatte ich Schönteichen OT Biehla auserkoren, quasi am Flaschenhals der Runde gelegen, der eine optionale Abkürzung durch Verzicht auf die "Westschleife" ermöglichen würde.

      Am Vorabend reisten wir an und übernachteten im Auto auf dem direkt am Radweg gelegenen Parkplatz.

      6. Juli 2019.
      4:35 Uhr war die Dämmerung so weit fortgeschritten, dass ich bereits startete, während Bettina noch an der Packtasche friemelte. Bereits nach 500 Meter endete die Komfortzone. Dem Asphalt folgte ein unbefestigter Weg mit reichlich lockerem Sand. 4 Kilometer Doppelstockeinsatz. Immer auf der Suche nach der besten Spur. 23:27 Minuten für die ersten 5 Kilometer. Das lief ganz und gar nicht nach Plan. Ein reichlicher Kilometer Asphalt dann erneut 3,5 Kilometer Waldweg. Wenigstens spürbar festerer Untergrund. Die unzähligen Kiefernzapfen und Äste schluckten die Skater locker weg. 20 Minuten für die nächste Etappe - im Plan.
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      Unbefestigte Abschnitten garnierten weiterhin die Strecke, aber deutlich weniger und kürzer. Mit 17-19 km/h Reisegeschwindigkeit fühlten sich die nächsten 50 Kilometer "besser" an.

      Irgendwann vermisste ich die Griffigkeit des linken Stocks. Mist. Die Hartmetallspitze war verlustig gegangen. Wohlweislich hatte vorab noch die Wendespitzen zum Schrauben montiert - der Austausch ging zügig von statten.
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      Bettina, die im letzten Dorf zum Fotografieren stoppte, hatte noch nicht wieder aufgeschlossen. Ich wartete sicherheitshalber am nächsten Abzweig, da der Wegweiser ungünstig platziert und bei schneller Fahrt leicht zu übersehen ist. Nebeneinander ging es dann durch eine Schlaglochpiste, bis ein Kniefall im Schotter mich jäh stoppte. Ein kleiner Ast hatte das Vorrad blockiert und ich mir eine große Schürfwunde eingehandelt. Halb so wild.
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      Wieder ein sinnfrei platzierter Wegweiser. Geht es rechterhand schrägt versetzt weiter oder ganz nach rechts? Ich traf die falsche Entscheidung und handelte uns zwei zusätzliche Kilometer ein.

      Erneute Fotopause am Olbasee. Ich skatete den Radweg entlang und in Kleinsaubernitz schräg rechts den schottrigen Hang hinauf. Einen Kilometer weit ging es erstmals auf einer relativ großen Straße entlang, bis links ein weiterer Geländeabschnitt folgte. Ich wartete. Die Fotografin kam nicht. Schließlich schob ich mich die schmale Sandspur entlang - in dem Gelände würde Bettina schnell aufschließen können. Wald, ein Anstieg, der mich an die Strecke des Stonemans erninnerte. Erstmals nutze ich die klassische Technik. Jenseits des Waldstücks rastete ich. Nahrungsaufnahme. Bettina kam nicht. Ein Anruf brachte Klarheit: sie hatte sich verfahren und befand sich auf einer Abkürzung, die vor der Quizdorfer Talsperre wieder auf den Froschradweg treffen würde.

      Für mich ging es bald bergan. Lange bergan. In Thräna wieder so eine zweideutige Ausschilderung. Die abbiegende Hauptstraße nach links. Klar. Aber dann? Die abbiegende Hauptstraße nach rechts oder die kleine Straße gerade aus? Die App (mapy.cz - die beste Karte, die ich kenne), wies gerade aus.

      Anmerkung: Da die offzielle Strecke des Froschradwegs doch immer wieder modifiziert wird, war ich nicht sicher, ob die App-Karte diese exakt abbildet. Die Qualität der Ausschilderung des Froschradweges nimmt (gefühlt?) gen Osten hin stetig ab. Vor allem fehlt hier fast immer das Froschsymbol, sodass ich mir nie sicher sein konnte, ob ich mich auf dem richtigen Radweg befand.

      Noch steiler nun. Hinauf zum Sattel unterm Monumentberg. Danach einen rasante Abfahrt auf Betonplatten, die wenigen groben Löcher konnte ich gut umkurven.

      In Steinölsa empfing mich Bettina und führte uns am Ortsausgang in die Irre. Der ausgewiesene Radweg begann verheißungsvoll und endete im Fiasko. Wurzeln, Steine, ein platter Reifen am Skike. Radwechsel. Sand nun, viel Sand, tiefer Sand. Der Radweg drehte gen Norden. Falsche Richtung. Ich studierte die Karte und entschied mich für den Waldweg gen Osten. Auch der drehte bald auf Norden. Ab Mücka endlich wieder Asphalt und leider auch reichlich Verkehr. Eine sinnvolle Alternative gab es nicht, also weiter. 6 Kilometer weiter konnten wir endlich auf eine Nebenstraße ausweichen, die an einer Bahntrasse endete. Wir trugen Rad und Skater über die Schienen und fuhren jenseits weiter gen Niesky.

      Niesky Supermarkt. 99,8 Kilometer, 6:50h (5:58h netto). Samstagmittag scheint alle Welt einzukaufen. Gut eine halbe Stunde währte der Einkauf. Dass ich nur ein Eis aß, sollte sich später noch rächen. Aber ich wollte weiter, gefühlt lagen wir eine Stunde hinter der Planung.
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      Durch Niesky ging es relativ entspannt über kleine Nebenstraßen. Ab Ortsausgang wieder unbefestigte Piste. Immerhin relativ fest. Vor Horka (der Ort, wo am Nachmittag ein großer Waldbrand ausbrechen würde), fehlte mal wieder die Ausschilderung. Über die schmale Fußgängerbrücke wäre es gegangen, aber wir rollten den Plattenweg nach Norden, bis eine unbeschilderte Kreuzung uns am rechten Weg zweifeln ließ. Karte studieren. So und so stoßen wir auf den rechten Pfad. Also weiter. Schotter. Bahnübergang. Plattfuß. Am Fahrrad zum Glück. Der Wechsel oblag dennoch mir. Die Sonne heizte kräftig ein. Zeitverzug.
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      An einem Teich stoppte die Frau zum Knipsen. Ich fuhr weiter, erreichte eine geteerte Straße und fuhr sofort nach Norden (logisch, Süden wäre die falsche Richtung gewesen). Klingelndes Telefon. "Nach links" sprach ich, ohne die Frage abzuwarten. Die Stimmung blieb kurzzeitig angespannt (ich hätte am Abzweig warten sollen).

      Nach einigen Kilometern auf optimalem Untergrund erneut ein langer Abschnitt auf unbefestigten Wegen bis wir endlich auf die Zusammenführung mit dem Oder-Neiße-Radweg trafen. Die separate Führung des Froschradwegs nördlich von Rothenburg/Oberlausitz übersahen wir. In Steinbach treffen beide Routen zusammen - ein Kilometer Ersparnis für uns.
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      Heftiger Kantenwind schräg von vorn. Eine kurze Rast. Das Essen ging nur widerwillig runter. Offensichtlich hatte ich zu lange nichts zu mir genommen und kämpfte nun gegen den Hungerast. Eine längere Pause war vor Bad Muskau (noch 25km) geplant - die Erinnerung wusste von einer netten Kneipe direkt am Radweg.
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      Es kam anders.

      Drei Kilometer später, in Klein-Priebus, stoppte Bettina. Platten (negativ)!!! Direkt vor einer Kneipe (positiv).

      135 Kilometer - (erst) Halbzeit - Sch...!

      Die große Pause zogen wir vor. Bier lief gut rein. Der Kuchen nicht ganz so. Ich legte mich kurz hin, um den Rücken zu entlasten. Den Schlauch musste ich auch noch flicken.
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      Gut eine Stunde später ging es weiter.

      Die Rast war erholsam, in 1:1 Technik ging es wieder entspannter voran. In den kurzen, giftigen Anstiegen wechselte ich dennoch in den Klassikstil - Haushalten mit den Kräften lautete das Credo. Die Qualität des Radwegs war nicht optimal. Asphalt zwar, aber ziemlich verunreinigt (Nadeln, Zapfen).
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      Vor Bad Muskau gar Betonpflaster. Gift für die Stockspitzen. Ich skatete oft ohne Stockeinsatz.

      Ein Supermarkt. Süßer Eistee. Das Essen wollte nicht schmecken. Es ging mir nicht mehr gut.

      Vor Kromlau half der Wind, auf dem breiten Radweg trotz zu Ende gehender Kraft ordentlich Tempo aufzunehmen. Ab Ende des Radwegs ging es auf breiter Straße weiter. Autoverkehr gab es kaum. Am Campingplatz Halbendorfer See kehrten wir nochmals ein. Das Radler mundete.

      Ab Schleife eine schier endlose Gerade auf bestem Asphalt. Ich erreichte wieder 5-Kilometer-Zeiten wie zum Anfang der Tour. 16:50, 18:36, 16:23.

      Um Neustadt herum dann ruppiger Belag. Schöne Landschaft, aber dafür hatte ich kein Auge mehr. Der Tag neigte sich dem Ende. Eine Absperrung (ohne Ausweisung einer Umleitung) ignorierten wir. Eine gute Entscheidung, denn auf dem Radweg konnte wir keinen Grund einer Sperrung erkennen. Breite Radwege am Rand eines ehemaligen Tagebaus erlaubten schnelles Skaten - selbst für mich, der auf der letzten Rille pfiff.

      21:45 Uhr, Kilometer 201 (Fahrzeit für die letzten 100km 6:21 h netto). Orsteingang Hoyerswerda. An einer Bushaltestelle pausierten wir. Bettina zog wärmere Radsachen über. Mir war warm genug.

      Mit Stirnlampe ging es durch die Stadt. Eine schöne Strecke ist etwas anderes.

      Im folgenden Ort wurde die Straße gebaut, zum Glück bestimmte diese nur kurz unseren Weg. Nochmals mehrere Kilometer unbefestigte Wege. Bei ging nichts mehr.

      In Wittichenau eine letzte längere Rast. Die 40 Kilometer Westschleife, die der Froschradweg weiter beschreibt, wurde aus der Planung gestrichen und der direkte Weg zum Start anvisiert. Ein breiter Radweg leitete nach Oßling.

      Notstopp. Plattfuß am Crossrad. Der dritte.

      Ich setzte mich auf den Asphalt und suchte das Loch im Schlauch. Nichts zu finden, was ich hätte flicken können. Also Schlauch wieder rein und aufgepumpt. Die Luft schien zu halten. Weiter. Stopp! Mist. Jetzt war auch noch die Stockspitze verlustig gegangen. Eine Ersatzspitze hatte ich noch.

      Von Oßling Richtung nächster Ort ging es kräftig hinauf. Drüber entsprechend runter. Ab Ortseingang von Lieska plötzlich grobes Pflaster. Ich konnte den Sturz vermeiden. Ein letzter Anstieg vor Weißig.

      5 Kilometer noch.

      4,5 davon auf dem von der Herfahrt bekannten (und verhassten) Schotter. Bettina schickte ich voraus. Ich stolperte über den holprigen Untergrund, bis mich ein zweiter Beinahesturz entnervt die Skater abschnallen ließ. Ich ging die letzten 3 Kilometer zu Fuß.

      Völlig ausgezehrt.

      Für die letzten 30 Kilometer hatten wir 3,5 Stunden (!!!) benötigt.

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