Teil 2 - Bericht Halb-Wasa
Doch von Erleichterung keine Spur, um nicht stehen zu bleiben, durften Arme und Beine keine Pause einlegen. Doch wenigstens konnte ich hier einmal mit normalem Krafteinsatz arbeiten und einen Griff zum Schlauch meines Trankrucksacks wagen.
Danach wieder treibsandähnlicher Boden, sobald man einmal Tempo aufgenommen hatte, konnte dies durch Versacken in einem weichem Loch in Sekundenbruchteilen verpuffen. Nach meiner persönlichen Strategie sollte die Strecke bis km 7,5 für mich nur „Kindergeburtstag“ zum Einrollen mit geringem Schwierigkeitsgrad sein. Die mir bekannten zwei schwersten Kilometer dieser Runde kamen aber noch. Hier waren Zonen mit Grobschotter und häufiger Spurwechsel gefragt. Doch zum Glück war der Schwierigkeitsgrad hier nicht so stark erhöht, wie auf dem gesamten Rest der Runde. Die festen Schotterabschnitte waren immer noch fest, doch leider doch den starken Regen etwas ausgewaschen und daher noch etwas rauer als sonst.
Als es wieder in Richtung Parkplatz ging, hielt sich die Freude auf den sonst leichten Streckenabschnitt bis dorthin in Grenzen, weil es durch die Feuchtigkeit kaum Erleichterung gab. Ich war sehr überrascht als ich nach der ersten Runde (11,25 km) feststellte, dass ich unter diesen Bedingungen sogar noch minimal schneller unterwegs war als bei meiner 35 km-Generalprobe fünf Tage zuvor. Das konnte unmöglich so weitergehen. Mein Puls bleib zwar beruhigend niedrig und wäre bequem auf diesem Niveau geblieben, doch der Kraftaufwand in diesen knapp 49 Minuten war höher als bei jeder bisher von mir erbrachten Ausdauerleistung. So spürte ich doch von der ersten Minute an ganz deutlich meine gesamte Antriebsmuskulatur.
Der Schwierigkeitsgrad war an diesem Tag von durchschnittlich 1,2 auf 2,5 mit einer Spanne von 1 bis 3,5 angestiegen. Das ursprüngliche Verhältnis von 8 mittelschweren zu 37 leichten Kilometern hatte sich am 21. Juni glatt umgekehrt in 8 relativ leichte und 37 mittelschwere bis sehr schwere Kilometer.
Ich durfte gar nicht daran denken und konzentriere mich auf eine saubere Technik. Das sorgte noch eine Weile für ein relativ hohes Tempo. Der überschwemmte Abschnitt sah auf der zweiten Runde anders aus. Irgendwie ruhiger, es fehlte die seitliche Strömung, im Wald stand nur das Wasser. Es war aber auch trüber, so dass der Grund nicht mehr zu sehen war. Erst beim Durchqueren bemerkte ich, dass die „Furt“ etwa doppelt so breit geworden war und in der Tat tauchten meine Skikes diesmal gute 10 cm tief in das Wasser ein. Noch schwerer als beim ersten mal waren danach meine Schuhe und es gab noch eine weitere Überraschung: Kurz nach diesem amphibischen Abschnitt lag ein Baum quer über den Weg, der vor wenigen Minuten umgestürzt sein musste. Die Strömung hatte seine Wurzeln unterspült und nach dem Überklettern des Stammes setzte ich meine Fahrt fort, von nun an mit einem skeptischen Seitenblick aus den Augenwinkeln zur der neuen vegetarischen Bedrohung. Sigrid hatte Glück gehabt, denn kurz nach ihrer Passage muss der Baum auf den Weg gestürzt sein.
Inzwischen war meine Frau Alena auf der Runde unterwegs und kam mir entgegen. Meinen Zuruf, dass der Weg überschwemmt sei, hörte sie zwar, aber konnte es kaum glauben, so ungewöhnlich war eine Überschwemmung auf diesem sonst sicheren Gelände (bis zu 75 mm Niederschlag über mehrere Tage hinweg müssen ja schließlich irgendwo hin...).
Ich erwischte zwar danach auf dem Weg eine bessere Ideallinie und bleib seltener stecken, musste aber feststellen, dass das steigend Grundwasser den Rollwiderstand allgemein nochmals etwas erhöht hatte. So verlor ich auf der zweiten Runde, trotz besserer Einteilung und Fahrtechnik, rund eine Minute auf die erste. Durch das relativ kühle Wetter brauchte ich meinen Trinkrucksack am Parkplatz noch nicht gegen den vorbereiteten frischen Trinkgurt auszutauschen. Dem Vorteil des bequemeren Trinkens aus einem Trinkrucksack steht allerdings der Nachteil entgegen, dass man kaum abschätzten kann wie viel Trinkreserven man noch mit sich führt. Etwa alle 50 Minuten kaute ich einen Früchteriegel um einen Teil meines Energiebedarfs zu decken. Zusätzlich war das Getränk mit Maltodextrin versetzt um meinen Fettstoffwechsel „in der Flamme der Kohlenhydrate“ ausreichend lodern zu lassen.
Die dritte und die vierte Runde fuhr ich, zur Vermeindung von Monotonie und aus strategischen Gründen in umgekehrter Richtung. So kam der sehr raue Abschnitt wesentlich früher auf der Runde. Da zusätzlich einige Höhenmeter überwunden mussten, fehlte auf diesem Abschnitt wichtiger Schwung und das Durchschnitttempo sank ab. Kurioserweise konnte ich mich recht zuverlässig durcharbeiten. Ich freute mich schon auf die letzte Runde, bei der ich durch die Wahl dieser Fahrtrichtung unmittelbar vor dem Ziel vier statt nur zwei leichter rollende Kilometer vor mir hatte. Wie sich noch herausstellten sollte, keine schlechte Entscheidung.
Doch auch auf der dritten Runde stieg das Wasser. Den Baum zu überklettern fiel schon etwas schwerer und 15 cm Wassertiefe bei gut 50 Metern „Flussbreite“ fand ich beim dritten mal schon nicht mehr erfrischend. Auf dieser Runde hatte ich bei der Wasserdurchfahrt meine Radlager schon abgeschrieben, zumal sie bereits etwas quietschten. Als ich in die vierte Runde ging, hielt meine Frau bereits den Trinkflaschengürtel zum Austauschen bereit, doch ich hatte noch genug Wasser im Rucksack, so dass ich meinen Kamelhöcker anbehielt. Meiner Frau genügten an diesem Tag rund 15 km für ihr sportliches Ego. Meine dritte Runde war ganze dreieinhalb Minuten langsamer als die zweite gewesen. Von Gefühl her hatte ich zwar bewusst nur rund zwei Minuten herausgenommen, doch die Ermüdung und der schwerer werdende Boden forderten wohl ihren Tribut.
Unter solchen Bedingungen würde ich künftig diesen Lauf zu einem Drittel-Wasa über 30 km verkürzen. 45 km sind eindeutig zu lang, wenn es so extrem zugeht.
Immer noch erträglich war der schwerste Abschnitt auf der vierte Runde, was ich nur höchster Konzentration auf einem technisch möglichst einwandfreien Cross-Skating-Stil zuschreiben kann, denn die Kraft und die Motivation gingen eindeutig in den Keller. Jetzt mit kühlen Getränken in der warmen Badewanne liegen, statt sich durch den Schlamm zu
prügeln – nur ein Traum im südhessischen Dschungel...
Das immer höher drückende Grundwasser machte den Boden zwischen km 39 bis 41 noch tiefer. Ich war aber überrascht keine wesentlichen Ausfallerscheinungen im Gleichgewicht oder Stil bei mir wahrzunehmen, obwohl ich inzwischen wirklich jeden Muskel deutlicher spürte als jemals zuvor beim Skiken. Ich war froh jeden Moment den Baum und die Wasserpassage gleich zum letzten Mal passieren zu müssen. Weit vor mir sah ich noch ein eine Dreiergruppe joggender Feiglinge, die sich über den Baum ins trockene Unterholz flüchtete um das Gewässer zu auf nicht-heldenhafte Wiese umgehen.
Beim übersteigen des Baums war ich mir sicher, dass ich nach dem Lauf zum erstem Mal in meinem Leben Muskelkater vom Skiken zurückbehalten würde. Die Skikes und die nassen Schuhe erschienen mir beim Anheben mindestens fünf Kilo schwer. Doch auch nass kennt eine Stiegerung!
Bei dieser letzten Wasserdurchfahrt war der "Bach" etwa 100 m breit und gut 20 cm tief. Dies bedeutet, dass die Skikes bis deutlich über die Sprungelenklager auf Tauchfahrt gingen und die Bugwelle bis über den oberen Stiefelrand schwappte.
Okay das war’s jetzt, nur noch gut vier Kilometer zu Ziel, dachte und hoffte ich. Kurz darauf passierte ich in etwa 3 Stunden und 11 Minuten die Marathonmarke von 42,2 km. Der Vergleich mit dem Marathonlauf ist aber völlig unzulässig. Marathonlaufen tut mehr weh, obwohl man nicht so viel von seinem Körper fordert. Eine „Mauer“ im Sinne der Marathonlaufes gibt es beim Skiken und sogar beim noch härteren Cross-Skating nicht wirklich, obwohl ich vom Energieverbrauch bei km 42 bereits mehr Energie verbraucht hatte als bei einem 50 km-Lauf. Der Energieverlust war aber gerade auf den letzten drei Kilometern extrem zu spüren. Mein Puls sackte in Regionen unter 150 ab. Die Lust auf einen längeren Endspurt verging mit völlig, ich fühlte mich völlig ausgepowert und wollte nur noch eins: ANKOMMEN.
Nach 3 Stunden und 24:30 Minuten erreichte ich mit ziemlich niedrigem Puls um die 150 das Ziel und schnaufte dabei trotzdem wie ein Mittelstreckenläufer. Um ein Haar hätte ich mich auf dem Boden geworfen, wie man es bei Ski-Langlaufwettkämpfen so oft sieht, doch ich konnte mich noch beherrschen. Ich konnte keinen Muskel benennen, den ich in diesem Moment nicht deutlich spürte. Doch Skiken ist nun einmal völlig anders, denn keine sieben Minuten später, saß ich bereits im Auto und fuhr nach eigenhändig Hause.
Wie anders Skiken ist, spüre ich heute, exakt 24 Stunden später. Mit einer immer noch deutlich spürbaren Muskelermüdung (Kraftlosigkeit), aber doch
ohne Muskelkater, schreibe ich nur diesen Bericht und freue mich bereits auf mein morgiges Skiketraining. Skiker erholen sich offenbar doch schneller als ihre Schuhe trocken...
Bis bald, beim Skiken und Langstrecken-Cross-Skating,
euer Frank Röder
Der erste Groß-Gerauer Halbwasalauf am 21. Juni über 45 km in Zahlen
Anmeldungen: 6
Teilnehmer: 3, Sigrid (11,25 km), Alena (ca. 15 km), Frank (45 km)
Zeiten:
Sigird: 1:22 h
Alena ca. 1:25 h
Frank 3:24:30 h (48:31 + 49:14 + 52:48 + 53:58), Wasseraufnahme 1,6 Liter, Kalorienaufnahme ca. 400 (Fruchtriegel & Maltodextrin-Drink), Energieverbrauch ca. 3800-3850 kcal. In den fünf Wochen davor im Durchschnitt 104 km /Woche geskiked (überwiegend cross)