Skike Abenteuer im südhessischen Regenwald oder der wirklich längste Tag des Jahres
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Die Idee einen Marathon im Inlineskaten oder im Skiken auszutragen ist naheliegend. Doch wozu sind Skikes geländetauglich, wenn diese vielseitige Eigenschaft nicht im sportlichen Wettkampf eingesetzt wird? Daher die Ausschreibung als Cross-Skating-Wettkampf mit einem Anteil von ganzen 100 % an Forstwegen. Damit die Orientierung klarer in Richtung Skilanglauf und nicht zum Laufmarathon geht, wurde die Distanz mit der halben Distanz des Wasalaufes (Skilanglauf), also 45 km festgelegt. In dieser Hinsicht haben also alle Beteiligten Neuland betreten. Damit niemand von
unmenschlichen Wettkampfbedingungen bei diesem Halb-Wasa sprechen konnte, war der Kurs in vier Runden unterteilt, so dass auch Teilstrecken bewältigt werden konnten.
Für mich war es eine persönliche Herausforderung einen effizienten Cross-Skating Trainingsplan für einen recht kurzen Zeitraum zu entwickeln. Von den zunächst vorgesehenen zehn Wochen blieben am Ende nur fünf Wochen übrig in denen ich noch konsequenter trainieren musste.
Auch unter der Voraussetzung, dass schon über mehrere Monate eine gewisse Grundlagenausdauer aufgebaut wurde und die Cross-Skating Technik mindestens zufriedenstellend beherrscht wird, ist meine Empfehlung immer noch ein zehnwöchiger Formaufbau.
Meine inzwischen fast schon berüchtigten Kurz-Trainingsprogramme, die ich dann korrekter „Formzuspitzung“ nenne, setzen einem bereits vorhandenen Trainingszustand quasi nur noch ein Sahnehäubchen drauf.
Dieser Halb-Wasa wurde schon seit Januar 2007 geplant. Die erste Strecke sollte landschaftlich etwas reizvoller sein, mit überwiegendem Blick auf die Mönchbruchwiesen unmittelbar südlich der Startbahn West des Frankfurter Flughafens. Was ich durch mein Lauftraining und Mountainbiking als „recht nett“ eingeschätzt hätte, musste ich aber nach mehreren Testtouren auf Skikes als unzumutbar für die breite Masse der Skiker einschätzen. Zu rau war stellenweise der Belag und loser Grobschotter erforderte teilweise kurzfristigen Höchtleistungseinsatz. Das wäre tödlich für die sinnvolle Einteilung einer Ausdauerleistung gewesen.
Also galt es auf bewährtes zurückzugreifen, ohne aber die Strecke zu leicht zu gestalten.
Nun kann die mittlere Rheinebene hier nicht gerade mit Höhenmetern protzen, doch ein paar leichte Hügelchen und etwas wechselnder Fahrbahnbelag sollten dem höheren Anspruch genügen. Schließlich zählt beim Cross-Skating nach 90 Minuten Belastung subjektiv jeder Kilometer doppelt. Ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich auch am 21. Juni wieder einmal bestätigen sollte.
Damit jeder der Starter auch eine Chance hat, auch wirklich anzukommen, waren für die Wettkampfstrecke Wege geplant, die normalerweise überwiegend leicht zu skiken sind. Da die Strecke keine wirklichen Abfahrten enthielt, sollte sie auch kein Problem für ungebremste Cross-Skates wie z.B. owerslide darstellen. Ursprünglich wären von den 45 km nur etwa 8 km etwas anspruchsvoller gewesen. Der durchschnittliche Schwierigkeitsgrad hätte auf der Cross-Skating-Skala bei verträglichen 1,2 (maximal 2,2) gelegen. So hätte man Reserven schonen können oder sich notfalls auch wieder etwas erholen können, falls man überzockt hätte.
Etwa drei bis vier Wochen vor dem 21. Juni verschlechterten sich die Streckenbedingungen immer mehr, weil durch die Trockenheit die Wege von Forstfahrzeugen, Radfahrern und Skikern (!) zunehmend „zermahlen“ wurden. Der Schwierigkeitsgrad stieg um rund 0,5 Punkte nach oben, was die Endzeit um rund 15 Minuten erhöht hätte. Erfahrungsgemäß hätten ein bis zwei kurze Regengüsse in den Tagen vor dem Wettkampf den Boden wieder so verfestigt, dass nach einem regenfreien Tag für Crossverhältnisse ein fast perfektes Rollen möglich gewesen wäre. Doch wer fest mit dem Wetter rechnet, wird ja bekanntlich oft enttäuscht.
Eine Woche vor dem 21. kamen die ersehnten Regengüsse. Und sie wollten nicht aufhören! Am 19. und 20. Juni waren in der Region fast pausenlos die Feuerwehren zum Auspumpen von Kellern unterwegs. Dann kam der 21. Juni. Bis 14 Uhr schüttete es pausenlos, der Flughafen sagte zahlreiche Flüge ab, Straßen wurden gesperrt. Ich wurde nervös, ob überhaupt jemand starten würde. Da mir die Bodenverhältnisse im Wald bekannt waren, hatte ich keine größeren Bedenken ob die Strecke befahrbar sein würde. Durch eine Art Naturdrainage unter den Wegen hatte ich noch nie ernsthaft Probleme mit meinen Skikes auf dieser Runde durchzukommen.
Die Strecke lag zwar an der tiefsten Stelle fast ständig einen guten Meter über dem normalen Grundwasserspiegel. Doch der benachbarte Mönchbruch sollte seinen Namen alle Ehre machen. Trotz meinem spürbar gutem Ansprechen auf mein geländeorientiertes Skike-Training sollte der 21. Juni für mich in zweierlei Hinsicht der längste Tag des Jahres werden.
Um 17 Uhr sollten sich die Teilnehmer treffen. Außer mir war zunächst, als weitere Teilnehmerin, nur Sigrid aus Groß-Gerau erscheinen, die zunächst eine Runde, also 11,25 km versuchen wollte. Dies ist insofern als außergewöhnlich anzusehen, da Sigrid noch vor fünf Monaten beim Skiken nach einigen hundert Metern schon erheblich außer Atem kam und mit leichten Übungsstrecken weniger als 4 km Länge begonnen hat. Die dreifache Strecke, auch noch auf einer ihr unbekannten Cross-Strecke, ist eine ernorme Steigerung.
Meine Frau Alena wollte sich uns nach ihrem Dienstschluss noch anschließen und begab sich gegen 17.30 Uhr auf die Runde. Somit waren die Frauen an diesem langen Tag klar in der Überzahl.
Ich startete dann etwa 8 Minuten nach Sigrid, damit sie sich nach meinem Überholmanöver noch einige Minuten an mir orientieren konnte. Schon kurz nach dem Start spürte ich wie tief der Boden an den Stellen war, die sonst immer leicht rollten. Was ich nie vermutet hätte: Der Grundwasserspiegel war zu diesem Zeitpunkt noch am Ansteigen. Das Wetter war nicht allzu unangenehm, wenn man eine gewisse Schwüle vertragen kann. Nur rund 500 Regentropfen erinnerten uns während des Wettkampfes an die tiefhängende Bewölkung. Es sogar kurz die Sonne durch. Die gut 85 % Luftfeuchtigkeit bei 23° C legten den Vergleich mit einem kühleren Tag in den Tropen nahe. Es war nicht wirklich warm, geschwitzt wurde aber reichlich und vor allem sinnlos, da der Schweiß kaum kühlte.
Nach knapp 4 Kilometern war es dann soweit. Ich überholte Sigird und hoffe nur, dass sie mich noch lange genug beobachten konnte. Mein Schnitt betrug bei einem Puls von 160 bis dahin fast 4 Minuten pro Kilometer, aber mir leuchtete ein, dass der Boden zu viel Krafteinsatz erforderte um dies auf Dauer durchzuhalten. Dann nach einer scharfen Rechtskurve traf mich das unerwartete, was ich spontan mit einem lauten „Auch du Sch...!“ kommentierte:
Der Weg war über rund 15 Meter Länge überschwemmt. Eine starke Strömung von links nach rechts deutete auf eine überschwemmte Straße am Mönchbruch hin – logisch ein „Bruch“ ist ein Sumpf oder ein Überschwemmungsgebiet. Ich wusste, dass der Weg flach verlief und das Wasser nicht sehr tief sein konnte. Noch in Fahrt entschloss ich mich zu meiner ersten Wasserdurchfahrt auf Skikes und hoffte, dass die Lager sich für diesen Frevel nicht durch Arbeitsverweigerung rächen würden. Mit kräftigen Doppelstockschüben wollte ich es schnell hinter mich bringen. Das Wasser reichte bis zu den Radachsen, meine Schuhe und Beine bekamen aber eine kalte Dusche von dem Rädern ab. Erst jetzt fiel mir ein, dass der Weg so ausgewaschen sein könnte, dass sich auch tiefere Löcher auf tun konnten, doch das Wasser war klar und es kam zum Glück kein Loch in Sicht.
Danach waren die Skikes, besser gesagt die Schuhe, erheblich schwerer und die Aussicht noch drei Stunden mit triefnassen Schuhen weiterzufahren, war nicht allzu berauschend. Was meinen rücksichtslosen Umgang mit den Skike-Radlagern betrifft, muss ich zugeben, dass an diesem Tag meine Sturheit über meine Vernunft gesiegt hat. Wie sich später zeigen sollte, trotzdem die beste Strategie um an diesem Tag durchzukommen.
Ich drehte mich mehrmals um, damit ich sehen konnte, ob Sigrid auch so unvernünftig war und durch das Wasser skikete. Doch jedes Umdrehen während der Fahrt, war jetzt ein Sturzrisiko, denn es lagen viele Tannenzapfen und Äste auf dem Weg. Noch schlimmer waren kleinere Felder einer Art von Treibsand, die durch den drückenden Grundwasserspiegel entstanden. Der Feinschotter schwamm so auf, dann man alle paar hundert Meter regelrecht stecken blieb. So lange die Beinkraft noch ausreichte, konnte man noch einen Sturz verhindern, doch es war extrem kräftezehrend und wie würde es nach zwei oder drei Stunden sein?
Bald danach hatte Sigrid eine leichten, aber fast folgenlosen Sturz, wie sie mir später berichtete. Trotzdem hatte es ihr Spaß gemacht und ich finde ihre Leistung, die sie unter diesen „Regenwaldbedingungen“ erbracht hat, erstaunlich.
Als ich nach 6 km auf den ersten Abschnitt kam, der immer rau ist, fragte ich mich, wo es bisher überhaupt leicht gelaufen ist. Es war vielleicht ein Kilometer. Nach 150 m auf sehr ruppigem Schotter hatte mir der Doppelstockschub etwas zugesetzt und ich zwang mich ab dann Kräfte für die bevorstehenden drei Stunden zu sparen. Es kam ein leichter Hügel, an dem man sonst die Wahl hat zwischen mittelschwer rollendem eingebettetem Schotter und dem Radstreifen, der sonst recht leicht rollte. Jetzt aber „schwamm“ auch dieser Randstreifen etwas auf und rollte einfach nur brutal schwer. Also bleib keine Wahl als „freiwillig“ über den rauen Belag zu skiken. Inzwischen weiß ich, dass die geforderte Reaktivkraft auf solchen Abschnitten die Muskulatur sehr unkalkulierbar ermüden lässt bis hin zum plötzlichen Verlust an Kraft oder Koordination. Wie das noch ausgehen sollte, war mir ein Rätsel. Dann, nach dem Hügel, eine leichte Abfahrt...
Es folgt Teil 2